80 thesen zu balduin sulzers viertem zwanziger

Laudatio zum 80. Geburtstag von Balduin Sulzer von Norbert Trawöger gehalten am 15. März 2012 im Landestheater Linz

balduin sulzer

ein fest für balduin sulzer

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balduin sulzer

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balduin sulzer und norbert trawöger

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balduin sulzer und norbert trawöger

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balduin sulzer und norbert trawöger

balduin sulzer und norbert trawöger

balduin sulzer

balduin sulzer

Fotos: Reinhard Winkler

 


OÖNachrichten 17.03.2012

80 Thesen, Behauptungen, Zitate, Paralipomena,
also 8 mal 10 Randbemerkungen zu Balduin Sulzers
viertem Zwanziger, oder wie er es treffender
auszudrücken weiß, zu seinem ersten Achtziger.

norbert trawöger

Alle Sulzer-Zitate sind - wenn nicht anders ausgewiesen - unter "Anführungszeichen" gesetzt.

1.
Zu allererst möchte ich hier eine Dimension ansprechen, die noch gar nicht bewusst geworden zu sein scheint. Wir feiern heute nicht nur den 80. Geburtstag von Balduin Sulzer, sondern wir begehen auch den 80. Jahrestag einer göttlichen Wiedergutmachung eines Tyrannenmordes, jenem, der an den Iden des März 44 vor Christus an Gaius Julius Cäsar zu Rom begangen wurde. 1976 Jahre später wurde als göttliche Wiedergutmachung für diese Greueltat Josef Sulzer in Lumplgraben 51 in Großraming geboren. Nicht, dass sie glauben, mir geht jetzt die Fantasie völlig durch. Ich weiß dies aus erster Hand, nicht von unserem Schöpfer, aber von der Wiedergutmachung selbst.

2. & 3.
Alle Wege führen nach Rom, nur nicht der Mittelweg, meinte Arnold Schönberg.

4.
Von Rom führen nicht weniger Wege wieder weg, nur nicht der Mittelweg, meine ich.

5. & 6.
Desgleichen gilt nach und von Wilhering, nur nicht der Mittelweg.

7. & 8.
Desgleichen gilt von und wahrscheinlich auch nach Großraming, nur nicht der Mittelweg.

9.
Es gilt: "Nur nicht der Mittelweg!"

10.
Es gilt einfach Weltklasse, das Bestmögliche.

11.
Weltklasse heißt, dass Sulzer einen Sinn für das Mögliche hat, das sich nicht am Landesüblichen orientieren muss, sondern einfach an dem was möglich ist.

12.
Apropos. In Rom kann einem klar gemacht werden, dass Palestrina wirklich Italiener ist und die Art, wie man dessen Musik nördlich der Alpen singt, einer Entmannung gleich kommt.

13.
"Neugierde ist das Bedürfnis, über den eigenen Tellerrand zu blicken, was oft phänomenale Folgen zeitigen kann – etwa - wie Balduin exemplarisch anführt - bei Alexander dem Großen, der, über seinen makedonischen Tellerrand blickend, u. a. in jugendlichem Übermut die Weltmacht Persien überrannt hat, mit der legendären Massenhochzeit von Susa eine fast modern anmutende makedonisch-persische Völkerintegration versuchte und bis zum Indus vorpreschte; oder wenn der gute, alte Columbus nicht über seinen Tellerrand geblickt hätte – was dann? Na servas!" ZE

14.
Als Balduins Mutter erstmals einer seiner dissonanzlastigen Kompositionen im Radio hörte, murmelte sie in sich hinein: "Mei Bua da muaßt nu vü lerna"

15.
Zitat Balduin Sulzer vom 16. Jänner diesen Jahres: "Ich will mich bis zum letzten Atemzug entwickeln"

16.
"Und natürlich bin ich dabei ein Selbstdarsteller, aber bittschen, wenn soll ich denn sonst darstellen."

17.
"Es gibt eigentlich nur eine einzige Qualität, das ist die Individualität" schrieb der von Balduin sehr geschätzte Sören Kierkegaard in sein Tagebuch

18.
Bescheidenheit kommt eben von Bescheid wissen.

19.
Ein Mann dessen größte Niederlage es ist, wenn der Wein korkt, kann nur Gewinner sein. Die Wahrscheinlichkeit bewegt sich eher im Bereich des Zufalls.

20.
2,4,6-Trichloranisol (TCA) verursacht den bekanntesten und auch häufigsten Weinfehler, den sogenannten Korkton, der regional auch als Stoppler bezeichnet wird.

21.
Zufall ist wie Sulzer meint "ein vom lieben Gott in seiner unendlichen Weisheit erfundener Ersatz für langwierige und anstrengende Konzepte, die sowieso nur selten aufgehen."

22.
Töne setzen heißt Notenköpfe zusammenkehren.

23.
Notenköpfe sind in Sulzers Definition gleichzusetzen mit Krautköpfen, Schafsköpfen, Holzköpfen und Plutzer jeder Art.

24.
Fünf vor zwölf ist keine Zeit, weder zum Schlafengehen noch in Panik zu geraten, weil ein Werk knapp vor der Uraufführung noch dampfend im Brutkasten liegt.

25.
Dies gilt auch für Opern. Montag vor der samstäglichen Premiere waren ja eh alle Noten da. Keine Ahnung, warum da wer nervös werden musste.

26.
Abgesehen von Melodie und Harmonie ist der Rhythmus für Balduin Sulzer
das Parameter in der Musik. Musik ist Bewegung und als solche atmende Organisation eines Klangzusammenhangs. Sulzers Klänge begeben sich dabei auf Umlaufbahnen ganz eigener Art, die sich weniger auf traditionelle musikalische Formentwicklungen berufen, als sie den Verlauf einer Saltosprungbewegung eines Heuschrecks in den Fokus nehmen. Er betreibt eine Art klingender Morphologie ungeahnter Organismen und zeigt wie in Großaufnahme ihre Bewegungsabläufe: Das Aufsprühen eines Geysirs, das Vorwärtspulsieren einer Qualle am Meeresgrund, das Aufbäumen einer Giftschlange oder der Überschlag eines Artisten könnten vielmehr als formale Analogien genannt werden. Es interessiert ihn der Tanz der Wesen und Dinge in den unterschiedlichsten Schritt- und Trittfolgen – l’action théâtrale. Seine Klanggebäude entfalten eine pulsierende Körperlichkeit von exaltierter Akrobatik. Die Musiken kratzen am Rücken, fordern zum Tanz auf oder nehmen einen ganz handgreiflich ins Gebet. Diese Organismen sind lebendige Skulpturen, deren Oberflächen die Haut eines Drachens, einer Medusa oder auch einer Katze sein könnten. Die Psyche der Stücke wird dabei förmlich an der äußeren Physis greifbar. Sulzer lässt die Innereien und Eingeweide zur Außenhaut werden, als ob die eigentliche Haut unter den Adern und Knochen liege. Die Unmittelbarkeit seiner Haptik ist nie karikierender Selbstzweck, sondern dient dazu, dem Melos zwischen Eros und Meditation das Haus zu bauen. Na bum!

27.
Mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy könnte man es so sagen: "Der tanzende Rhythmus öffnet die Klangfarbe, die im rhythmisierten Zwischenraum hallt."

28.
Oder wie es Charlie Chaplin noch einfacher auf den Punkt bringt: "Alles, was ich mache ist Tanz."

29.
Seine Musik hat mit Tanz, Gregorianik, Strawinsky, Wittgenstein, Bartók oder Morphologie genauso wenig oder genauso viel zu tun wie mit einem Boxkampf, Mozart, Karl May, Strauss, Meditation, Thomas von Aquin oder einem Sezierkurs.

30.
Sicher ist aber, dass diese in jeder Faser mit seinem Schöpfer verwechselt werden kann.

31.
Und Akzente sind "unverzichtbare Nadelstiche zur Belebung des musikalischen Nervensystems."

32.
"Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen", meinte Frank Zappa.

33.
Über Balduin zu reden ist eine lustvolle Sache, mit ihm ist mir trotzdem lieber.

34.
Con brio ist eben eine unabdingbare Grundbefindlichkeit eines ernst zu nehmenden Musikers, wie er sagt.

35.
Aber Achtung: Sir Peter Ustinov sagte einmal sinngemäß, das Lachen sei seine Art ernst zu sein und dass er es sehr ernst meine. Das gilt auch für Balduin Sulzer. Er meint es nicht weniger ernst.

36.
Sein Humor beabsichtigt, einen vorerst unmittelbar an der Hand zu nehmen, um einen in ein – vielleicht auch unterhaltsames – Reich zu führen, in dem man Botschaften vernehmen kann, die Essenzielles erfahren lassen.

37.
Man muss nicht, man kann.

38.
Wer kann, muss auch wollen.

39.
Dem Narren ist es erlaubt, die Wahrheit ungestraft zu sagen. Dabei braucht und beansprucht er seine Freiheit.

40.
Und ein Kloster ist "eine Art von Askese- und Kulturstadel."

41.
"Der Zölibat ein gut gemeinter Versuch der katholischen Kirche, ihren Klerikern eine gewisse Selbstständigkeit zu sichern."

42.
Und bei Musen ist er froh, wenn sie nicht vorbeikommen. Sie halten ihn nur vom Arbeiten ab.

43.
Inspiration ist gleich Termin. Und dies möglichst knapp, aber dies habe ich ja schon strapaziert.

44.
"Aber ohne Fähigkeit und Willen zur Leidenschaft geht es - so Balduin - in der Musik nicht – freilich mit mentaler Kontrolle, sonst mutiere die Musik ins Rülpser- und Furzhafte."

45.
Und man gönnt sich ja sonst nichts: Ein Schluck Barolo

46.
Lieblingsessen: Austern

47.
Takt ist ja eine maßgebliche Anstandsregel, nicht nur für jede Art von Musiziertätigkeit.

48.
Und ein Metronom "wie ein vom lieben Gott persönlich produziertes Tempo-Messgerät, an das sich freilich, wie bei den Zehn Geboten wenige halten." Er muss es wissen!

49.
Darum
Immer wieder aufs Neue versuchen!

50.
und sich von den Schwächen nicht unterkriegen lassen.

51.
Zitat aus der Wiener Musikvereinszeitung.
"Meistens ist man etwas blöder als Beethoven, etwas blöder als Bach oder Mozart – und durch diesen Kontrast hat man schon die Chance, sich von ihnen abzuheben. Ich bin entweder wesentlich schlechter als diese Leute – oder doch auf eine eigene Art gut. Und dieses Recht wird man ja um Gottes willen noch haben, nicht so gut sein zu müssen wie Beethoven."

52.
Wer das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt. Jakobus 4, 17

53.
Der Wille öffnet die Tür zum Erfolg, meint Louis Pasteur.

54.
Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern. Ernst Bloch

55.
Nur wenn man das kleinste Detail im Griff hat, kann man präzise arbeiten. Niki Lauda

56.
Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun. Johann Wolfgang von Goethe

57.
Tun was es zu tun gibt, nicht machen.

58.
Sulzer ist kein Macher. Er tut die Dinge, die es für einen zu tun gibt mit unnachgiebiger Leidenschaft.

59.
Viele Menschen hat er oft unmerklich und trickreich zu eigenem Tun angestiftet. Oder sie gar erst folgenreich auf die Fährte gebracht.

60.
Geist und Geister werden durch Begeisterung geweckt und dass man selber tut, von dem man redet, ist selbstredend Grundbedingung.

61.
Rattenfängerqualitäten, eine sagenhafte Spürnase für Talente und ein Dasein zwischen Kabarettist und Dompteur sind gute Vorraussetzungen für einen Lehrer.

62.
Und Anlässe, Anlässe, Anlässe, Anlässe schaffen
- Bitte, Bitte, Bitte, Bitte konkrete Konzerttermine.

63.
"Im Buddhismus ist die höchste und wesentlichste Tätigkeit das Lehren.
Abgesehen von der damals physischen Ähnlichkeit mit Buddha hat Balduin die unglaubliche Fähigkeit gehabt, jeden von uns einen Teil von sich selbst erkennen und annehmen zu lassen – etwas Größeres kann man über einen Lehrer nicht sagen.", sagt Franz Welser-Möst.

64.
Theorie ist das Wissen, wie etwas geht!

65.
Theorie und Wissen gehören aber zusammen!

66.
Und Improvisation ist aus der momentanen Situation heraus Einfälle zu gebären, die mit einschlägigem Geschick in konkrete Handlungen umgesetzt werden können.

67.
Lehrpläne sind Lehrpläne.

68.
Und Leben ist Leben.

69.
Panta rhei - alles fließt.

70.
Toni Seiler antwortete auf die Frage, warum er so schnell sei, ganz einfach:
Man muss den Ski einfach laffn lassn.

71.
Auch der Gatsch ist nicht zu verachten!

72.
Im Misthaufen neben seinem Großraminger Elternhaus sollen die besten Krennwurzen gewachsen sein.

73.
Beim Genuss dieser denkt man nicht mehr an den Mist, in dem sie groß geworden sind.

74.
Auch wenn es diesen Misthaufen nie gegeben hat, wie seine Schwester Anna sagt, ist es doch ein verdammt duftendes Bild.

75.
Möglich ist was man für möglich hält.

76.
Es schadet nicht alle 66 Bände von Karl May gelesen zu haben.

77.
"Wir werden / uns finden / wenn wir / Kinder / geblieben sind", lautet ein Vers aus dem Gedicht "Ich lausche" von Rose Ausländer, das Balduin Sulzer vertont hat (op. 158).

78.
Zuhören ist Grundbedingung für jedes menschliche Miteinander.

79.
Beten heißt auf sehr persönlicher Basis mit Gott debattieren, diskutieren und streiten

80.
Deus Caritas est. - Gott ist die Liebe.

Postludium.

Lieber Balduin!
Anstatt von Salutschüssen werden gleich die Hupen in deiner fünften Sinfonie erschallen. Zu deinem ersten Achtziger wünsch ich mir ganz egoistisch, dass ich auch deinen zweiten erleben darf und dir, alles, alles Gute und viel mehr.

Ad multos annos!

zum ersten achtziger
von balduin sulzer:

Vom Tun und Lachen (Landeskulturbericht 03/12)

Balduin! ([Geburtstags]Kolumne, Kronen Zeitung 15.03.2012)

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OÖNachrichten 12.03.2012

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