frohsinnig

Norbert Trawöger erhebt frohsinnig die Stimme.

Laudatio zur Eröffnung des Chorhaus Frohsinn im Brucknerhaus am 12. Oktober 2016

Foto: Bernd Pfeiffer

Hohe stimmberechtigte Feierversammlung und auch tiefe stimmberechtigte Festgesellschaft. Unter Ihnen wird es be-stimmt auch Alt- und Bassstimmen geben. Liebe Menschen, stimmberechtigt sind wir alle. Unsere Stimmen berechtigen uns, diese zu erheben, ohne überhaupt um eine Berechtigung ansuchen zu müssen. Und das Wahlalter oder sonstige Klebstoffe spielen überhaupt keine Rolle. Es ist in etwa so wie mit der Stimmabgabe: Wenn wir unsere Stimme abgeben, erheben wir sie und behalten sie trotzdem. Fabelhaft, nicht? - das Menschsein, das Personsein, das persönlich sein. Im Wort Person klingt der Klang durch uns, aus uns, unser ganz eigener tritt zu Tage, auch bei Nacht. Per-sonare - Durchklinger sind wir. Persönlichkeiten werden wir durch unseren ganz individuellen Klang. Wie heißt es in Becketts Endspiel:
CLOV fragt HAMM:
Hast du Halsweh?
Er geht vor sich hinsummend zum rechten Fenster, bleibt davor stehen und betrachtet es mit dem Kopf im Nacken.
Nicht singen! sagt Hamm
Darf man nicht mehr singen?
Nein.
Wie soll das denn enden?
Möchtest du, daß es endet?
Ich möchte singen.
Ich könnte dich nicht daran hindern.

Wer singt, ist nicht zu verhindern, liebe stimmbevollmächtige Menschen, ist nicht daran zu hindern, sich frohen Sinnes zu stimmen, zuzustimmen ein-zustimmen oder in eine helle Stimmung umzu-stimmen. Das ist doch eine brisante Sache, das Singen, es ermächtigt ungeheuer. Und beim Halsweh denke ich gleich an Anton Bruckner und den Frohsinn. Wenn es stimmt - und es stimmt ganz sicher - trat er dem Verein im Jahr 1856 als ordentliches Mitglied bei und wurde dem zweiten Tenor zugeteilt. Im gleichen Jahr wählte ihn die Vollversammlung zum zweiten Archivar, sodass er Einblick in das vorhandene, vielfältige Notenmaterial nehmen konnte, um später ein ganz Erster auch als Chormeister zu werden. 1868 sah Bruckner sich gezwungen, den Vorstand zu ersuchen, ihn wegen chronischer Heiserkeit und zunehmendem Hustenreiz unter die Zahl der unterstützenden Mitglieder aufzunehmen.
Das klingt so, als ob er als Tenor keine Unterstützung gewesen wäre. Da ist man fast versucht, wieder eine neue jämmerliche Bruckneranekdote in die Welt zu setzen. Der Tolpatsch, der dem Leben nicht gewachsen schien, der gesellschaftlich ungelenk und unerfolgreich dauerverliebt war. Ach, was für ein veritabler Quatsch!
Ich habe erst gestern in Zürich mit dem namhaften Brucknerforscher Hans-Joachim Hinrichsen gesprochen, der meint, dass gerade seine Linzer Zeit, seine Frohsinnzeit, der Eintritt in die bürgerliche Welt und ihre Gepflogenheiten und Umgangsformen war. Raus aus dem weihrauchverhangenem Sakralraum, der so manches auch in seiner Musik verstellt.

Und da sind wir mitten in der Gesellschaft, im politischen Raum. 1845 gründet der spätere Linzer Bürgermeister Figuly mit sechzehn Gleichgesinnten als einer der ersten im damaligen Österreich einen „Männergesangverein“, der rasch Zulauf hatte und sich im Jahre 1849 in „Liedertafel Frohsinn“ umbenannte. Aus Gründen der Geselligkeit - die Veranstaltungen der Liedertafel wurden in Linz bald zum gesellschaftlichen Ereignis – und zur Erweiterung der Chorliteratur gesellte sich ein Frauenchor hinzu.
In Linz beginnt's, eine der ersten Singakademien etabliert sich hier, früher als in Wien, denn die Wiener Singakademie formiert sich erst 1858.

Noch einmal zurück ins Jahr 1845. Ich bin kein Historiker, aber wenn ich mir das vorstelle, da werden die Singstimmen viel früher, sozusagen vorrevolutionär erhoben! Es wird vor-gesungen, was dann 1848 bei der eigentlichen Revolution geschieht: Die Zensur wird gelockert, damit werden die Möglichkeiten vervielfacht, seine Stimme frei zu erheben, dann kommt die Lern- und Lehrfreiheit dazu und Österreich bekommt erstmals eine Verfassung. Davor wurde schon gesungen, vor-gesungen.

Ein vielleicht kühnes Gedankenspiel, dem eine aufklärerische Zugkraft zugrundeliegt, an die wir uns besonders in unserer Gegenwart wieder erinnern sollten. Die Berechtigung, die Stimme zu erheben und abzugeben, ohne sie dabei zu verlieren - nein, sie wird dadurch oft noch viel kräftiger, ist noch gar nicht so alt. Wir müssen darauf aufpassen, besonders in unserem heutigen multiphonen Stimmengewirr.
Zum Gemeinsam Singen gehört Aufeinanderhören. Es ist Grundbedingung. Im Hören steckt das Gehören, auch das Gehör und so gehören wir erst zusammen. Die Gabe zur Empathie ist übrigens Alleinstellungsmerkmal von uns Menschen.

Und Singakademien sind übrigens ein Phänomen des deutschsprachigen Raumes, das mit dem Erstarken des Bürgertums im vorvorigen Jahrhundert auftaucht, wie auch die Konzerthäuser. Apropos. Konzerthaus, das wollten die Frohsinnigen schon in den 1870er Jahren bauen. Der Börsenkrach von 1873 verhinderte es. Und somit kann man auch behaupten, dass der Ort, an dem wir jetzt versammelt sind, das Brucknerhaus, letztlich das Frohsinnkonzerthaus ist, denn hätten sie es damals bauen können, wäre dieses hier vielleicht 1974 gar nicht entstanden. Wieder ein wenig verwegen dieser Gedankengang, aber gar nicht so weit hergeholt, wenn man die Linzer Verhältnisse kennt.
Ich könnte ihnen jetzt noch viel über die Geschichte der Linzer Singakademie, Namen wie August Göllerich, Johann Nepomuk David, Paul Hindemith, Helmut Eder, Kurt Wöss, Balduin Sulzer, Theodor Guschlbauer und Johannes Wetzler nennen. Ihnen davon berichten, dass der Meister von Bayreuth dem Frohsinn unter dem Meister von St. Florian die Premiere des Schlusschors aus den Meistersingern vor der Münchner Uraufführung überlassen hat.

Die Linzer Singakademie hat eine frohsinnige Geschichte, mit einem vorrevolutionärem Impact. Dieser scheint im Gründungsmythos des Frohsinn verankert, grundgelegt zu sein und er ist lebendig auch im Haus am Pfarrplatz, das seit über 140 Jahren im Besitz des Frohsinns ist. Ein Haus ist ein Haus. Ein Frohsinnhaus aber ein Chorhaus. Vier Chöre unter einem Dach! Rund 150 Sängerinnen und Sänger beleben seit einiger Zeit das „Chor-Haus Frohsinn“. Zum Stammchor, der Linzer Singakademie, gesellen sich mittlerweile drei weitere Chöre, darunter der renommierte „Hard-Chor“ und die Kinder- und Jugendchöre „bee-laut“. Was für ein revolutionärer und hochfokussierter Ort des Stimmenerhebens hat sich da formiert und dies mitten in der Stadt. Und da sind wir wieder bei den Revolutionen, die vorsingenden sind mir bei Gott lieber als die handgreiflichen. Hier wird ein veritables Modell einer lebendigen Gesellschaft vorgelebt, vorgesungen. Stimme erheben, aufeinander hören, Dissonanzen leben, auflösen, Rhythmus finden, sich gemeinsam bewegen, hörbar sein, zusammen-gehören. ... Ist dies nicht auch eine hochpolitische Angelegenheit, liebe Menschen?

In der Kultur, in der Kunst, im An- und Aufsingen lebt etwas positiv Widerständiges. Melden wir uns zu Wort, prägen wir den gesellschaftlichen Diskurs mit, erheben wir die Stimmen und heben wir damit die Stimmung in eine Offenheit, Helle, wie der Frohsinn.
Was für eine große Sache, dass es jetzt das Chorhaus Frohsinn und viele, viele Sängerinnen und Sänger unter einem Dach gibt. Da bleibt nur con voce piena, mit voller Stimme allen Beteiligten zu gratulieren, allen voran dem Motor Alex Koller.

Nulla vita sine musica. Kein Leben ohne Musik.

Trauen wir unseren Atemzügen, Ohren, Sinnen, unseren Herzen. Die Kunst, die Musik traut uns, ermutigt und bewegt uns. Ich glaube fest daran, Kunst kann uns verändern, Kunst muss uns weiter verändern können. Oder sie ist einfach eine fundamentale Erinnerung daran, dass wir Menschen sind, ausgestattet mit der Kraft der Fantasie, des Schöpferischen, des Mitfühlens, des aneinander Berührtseins! Wir haben die Wahl und hoffentlich noch lange. Wir sind mit dem Möglichkeitssinn ausgestattet, halten und bringen wir diesen in Gang. Im Gesang, so wie jetzt immer wieder kulminierend im Chorhaus Frohsinn.

In diesem singenden Sinne:
Vivat Frohsinn!
Es lebe die Linzer Singakademie.
And don’t forget
try it hardcore to beeee laut.

norbert trawöger, 12.10.2016

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