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Perspektiven 2014

Kunstrede zur Eröffnung des Festivals Perspektiven // Attersee 2014

Attersee am Attersee
5. Juli 2014

Norbert Trawöger

Fotos: Lukas Maul

Norbert Trawöger

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Im Fernsehen 

Norbert Trawöger

BTV-Bericht über die Eröffnung

Jetzt darf ich hier und heute schon das zweite Mal, innerhalb beinah eines Jahres, zu Ihnen sprechen und meinen Gedanken ausliefern, liebe Menschen. Ich könnte mich gleich über "das zweite Mal" an sich ausbreiten, wenngleich ich es so zu halten versuche, dass das zweite oder auch dritte Mal immer eher das zweite oder dritte erste Mal ist. Das verlangt ungeheure Disziplin. Das erste Mal ist ja mit einer anziehenderen Ungewissheit und Abenteuerlichkeit verbunden, als etwa das zweite Mal. Das erste Mal ist in unseren Zeiten das normale Nonplusultra des Gewohnten. Wir wollen immer alles neu, möglichst exklusiv und klarerweise originalverpackt.
Es kommt aber auch darauf an, ob sich der äußere Rahmen wiederholt oder die inhaltliche Befüllung - aber wie kann man sich da sicher sein, vor allem seiner selbst. Ich traue mir da selbst wenig über den Weg. Ich bin der selbe geblieben, wenn auch nicht der gleiche.

Norbert Trawöger

Routine darf ja mitunter wirklich ein Schimpfwort sein, um ein Wort des großen Dirigenten Sergiu Celibidache aufzugreifen, wenn Repetition die einzige Vorraussetzung im redundanten Tun ist.

Als Musiker begleiten mich Stücke schon seit Jahrzehnten, ich spiele manche wieder und wieder. Und doch ist es immer anders, wenn man bereit ist von seinen Plänen abzurücken, die irgendwann am Sankt Nimmerleinstag, bei den ersten ersten Malen gefasst wurden. Es stellt sich natürlich eine nicht unangenehme Vertrautheit ein, die aber schnell weitere Entdeckungen vereiteln kann. Und doch jeder Raum ist anders, das Wetter und vor allem wir Menschen sind beweglich, veränderbar, unterschiedlicher Stimmung, möglicherweise sogar lebendig. Warum erzähle ich ihnen das?
Wir stecken alle in unseren Routinen, machen gewohnte, eingeübte Handgriffe, begegnen Menschen und auch Orten in der Art wie wir es bei den ersten Malen erfahren habe und geben diesen und uns keine neue Chancen des Erlebens und Entdeckens mehr. Wir leben in der Vergangenheit unseres Speichers, in der Halle unserer Erinnerung wie es Augustinus ausdrückt. Eine riesige Lagerhalle, in der wir unsere Erfahrungen speichern. Das ist ja wunderbar, dass es diese Halle gibt und dies immer größer wird. Aber die Gefahr ist nicht gering nur noch in unserem Lager unterwegs zu sein. Wir sind lernfähig, wir vermögen zu reflektieren und können dadurch von Gewohnten, Erinnerungs-Programmierten abrücken. Wenn auch ohne es zu Löschen, aber wir können es überschreiben, was uns die Hirnforschung in Erinnerung ruft.
Da wird es dann unter Umständen auch möglich eine kleine, aber ganz und gar nicht kleine Erweiterung in einer Hymne zu verinnerlichen.
Dies ist uns Menschen durchaus zumutbar, auch , sangesträchtigen und sangestrachtigen Männern, die wirklich größere Probleme haben.

Bemerkung vom und am Rand, schauerlich an dieser Diskussion ist nicht nur das Niveau, sondern die absolute Aussparung des eigentlich Inhaltlichen. Österreichische Diskurskultur in Reinkultur. Und es zeigt wie der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal zuletzt gesagt hat, "in Österreich sind Gesetze bekanntlich immer noch Kann-Bestimmungen." Kann-Bestimmung ist ja auch eine wunderbare Wortkombination. Seine Be-stimmung zu erkennen, seine eigene Stimme zu erhören, kann durchaus sinnstiftend sein. In diesem Sinne kann ich uns nur ganz bestimmt auffordern, unseren Kann-Bestimmungen zu folgen. Dies sollte Gesetz werden.

Hymnenrandbemerkung 2. Die Wiener Philharmoniker geben zum 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo ein Konzert ebendort. Am Programm der zweite Satz von Joseph Haydns Streichquartett op. 76 Nummer 3, das "Kaiserquartett", die Kaiserhymne. Wunderschön! Ach wir spurlos vergehen in unserem Lande 100 Jahre. Jaja wenn die gute alte Zeit so gut war und vor allem ist. Früher war sogar die Zukunft besser, hätte es Karl Valentin auf den Punkt gebracht.

Kurt Kotrschal, Wissenschaftler des Jahres 2010, hat vergangenen Montag im Kepler Salon, den ich seit über einem Jahr leite, nachdrücklich bemerkt: Zitat: "Das Kunst und Wissenschaften alles können dürfen müssen. Aber Kunst und Wissenschaft finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern im gesellschaftlichen Rahmen. Und daher müssen sich Kunst und Wissenschaften auch gefallen lassen, dass man über sie diskutiert. Besonders die Mittel der Kunst." Zitatende
Nicht im luftleeren Raum findet sie statt, die Kunst, auch hier in Attersee, das vierte Mal, in Leerständen, im gesellschaftlichen Rahmen, der Realität unserer Tage. Sie, die Kunst, was auch immer sie ist. Wie sie in Erscheinung tritt. Im übrigen auch weiblich. Sie, die Kunst, die alles kann darf und muss.

was noch alles kunst ist, ein gedicht von elfriede gerstl

die etablierkunst
die sinnierkunst
die wie-ich-mich-präsentier-kunst
die komm-und-geh-kunst
die kunst eingeladen zu werden
die kunst nicht eingeladen zu werden
die kunst die passenden geschenke zu bekommen
die kunst die passenden geschenke zu geben
die kunst geheimnisse anvertraut zu bekommen
die kunst geheimnisse nicht auszuplaudern
die kunst mit sich auszukommen
die kunst mit anderen auszukommen
die kunst der kennerschaft und sie niemanden aufzudrängen
die kunst gelobt zu werden
die kunst geliebt zu werden
8.10 2003

Heute beginnen die Perspektiven Attersee zum vierten Mal. Ich denke, es ist das vierte erste Mal.
Hier ist es keine Kunst eingeladen zu werden. Wir sind es. Wenn wir uns lassen. Mindestens der komm-und-geh-kunst kann man hier 57 Tage lang frönen. Wir können ins Nach-Denken und ins Vor-Denken geraten, ins Staunen. Wir können uns unterhalten und unterhalten lassen.

Wir können, dürfen und müssen, wenn wir wollen, und uns und es lassen. Nichts ist beständiger als das Ungewisse, nichts gewisser, liebe Mitmenschen.

Das Könnendürfenmüssen ist nicht nur künstlerische Grundbedingung, Conditio sine qua non.

Es sind Möglichkeiten des Menschseins.
Wir könnendürfenmüssen fühlen.
Wir könnendürfenmüssen verändern.
Wir könnendürfenmüssen denken.
Wir könnendürfenmüssen leben.

Und ich ende noch mit einem Denkkrümel von Elfriede Gerstl
tabus im denken muss man sich schenken

Bitte schenken Sie sich nichts,
seien Sie hemmungslos großzügig Ihnen selbst gegenüber und auch
den anderen, die gar nicht so anders sind, wie uns manche immer
glauben machen wollen.

Fotos: Lukas Maul
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