status quo

Perspektiven 2014

Kunstrede zur Eröffnung des Festivals Perspektiven // Attersee 2016

Attersee am Attersee
9. Juli 2016

Norbert Trawöger

Norbert Trawöger

Norbert Trawöger

Fotos: Lukas Maul

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Vertraute Festversammlung, liebe sitzende, stehende, vielleicht auch gehende Menschen, eins ist im Moment gewiss, wir stehen allesamt im Leben und ich heute das vierte Mal vor Ihnen, um über den Status quo zu sinnieren*, so habe ich es mir vor Monaten vorgenommen. (*Sinnieren ist ein besonderes Wort. Mein Großvater hat es immer verwendet. Es ist nicht einfach denken. Es ist emotionales, sinnliches Denken.)

- Ich sinniere hier fast aus Tradition, zumindest der Form nach, aber fern jeder Routine, das kann ich Ihnen zusichern. Aber was ist schon sicher in unseren Tagen. Jene die uns heute versichern, sicher machen wollen, jene Anfechter, jene Brandstifter, die mehr denn je wissen, was richtig und was falsch ist. Sie sind mir zutiefst zuwider. Ich traue den Sicheren nicht eine Sekunde. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist immer gut, wenn Licht ins Dunkel gebracht wird und auf die Tradition verstehen wir uns Österreicherinnen und Österreicher blendend, weil sie ein gutes Stück unserer Identität, uns ausmacht, aber die Motive der Rechthabenden sind nicht rechtschaffen. Sie beabsichtigen ganz und gar nicht, was sie uns glauben machen wollen. Soweit ein Stand der Dinge. Das Blendende blendet naturgemäss, das Laute ist laut und der Stand der Dinge steht nicht, daher gibt es keine kurzen Botschaften, einfach mögen sie sein aber komplex und mitunter kompliziert. Wir sind nicht nur Komplizinnen und Komplizen unserer Zeit, sondern Gestaltende, Gehende, Stehende, Sitzende, Liegende aber vor allem Fühlende, Lebendige. Menschen im besten Fall. Allerhand was ich da in ein paar Minuten verhandeln will und werfe die Fragen auf, wo stehen wir, was steht an, was bewegt uns noch. Nicht so pessimistisch Monsieur Trawöger denken sie, vielleicht, nur keine Angst, ich hab sie selten Angst, aber ich bin in Sorge, wenn der Stand der Dinge auf den ganz sicheren Stand zu treten beginnt und die einheimischen Füße fest auf den Heimatboden. Eine Italienerin hat mich einmal gefragt, hier sagt man Ausländer, warum gibt es eigentlich keine Einländer. Ein guter Hinweis wie ich meine.

Gestatten Sie mir Ihnen ein Bild zu beschreiben, das mir vor einiger Zeit in den Weiten des weltweiten Internetz untergekommen ist.
Es ist eine Zeichnung des deutschen Karikaturisten BECK.
Zwei Pferde stehen in einer Koppel. Das linke Pferd hat auf der Stirnmitte zwischen Augen und Nüstern eine Eistüte geklatscht, die Spitze der Tüte ragt empor. Und der Untertitel lautet: Einhörner sind auch nur Pferde, die beim Eisessen gescheitert sind. Eine jahreszeitgemässes Bild über das ich herzhaft lachen muss, wenn ich im zweiten Schritt darüber nachdenke, sinniere, denke ich was für ein tolles Sinnbild.

Ein gewöhnliches Pferd, wenn ein Pferd je gewöhnlich sein kann, mutiert durch ein vermeintliches, vielleicht auch absurdes und absichtliches Missgeschick zum Einhorn, zu einem Fabelwesen, das seit der Antike in unserer Fantasie existiert, dem Zauberkraft zugeschrieben wird. Eine Zuschreibung kann eine Ermutigung sein, kann etwas eröffnen. Das Machbare ist sicher nicht das, was wir für machbar halten, sondern das was man tun will, ein Aufbrechen ins Undenkbare. Im Scheitern steckt die ungeheure Kraft, das sich Dinge ereignen können, die uns auf eine undenkbare Ebene katapultieren können. Vielleicht ist es der Ort, wo wir erst richtig Mensch sind, ausgestattet mit dem unendlichen Vermögen zum Schöpferischen, zum Fantastischen. Scheitern bedingt aber, dass wir was tun, Gelingen auch. Vielleicht werden Sie langsam ungeduldig und denken sich, wann kommt er auf den Stand der Dinge, auf die Lage der Nation zu sprechen, aber ich bin ja nicht Bundespräsident und misstraue jedem künftigen, der darüber präzise Auskunft geben kann. „Veränderung ist oft unbequem, schmerzhaft und anstrengend. Aber auf Veränderung zu verzichten kann noch viel schmerzhafter werden“, sagte der scheidende Bundespräsident gestern. Wir leben in einer Zeit der Übergänge, ob wir wollen oder nicht. Wir machen uns vor, dass dies und jenes immer so war, und daher so sein und bleiben muss. Den Herausforderungen, denen wir uns zu stellen hätten und haben, sind größer denn je. Wäre ich ein Priester würde ich Ihnen vermutlich die Bibel als Lektüre empfehlen und empfehle diese auch und viele andere Bücher mehr ohne Priester zu sein. Aber als Musiker empfehle ich ihnen gar nichts und sage Ihnen lesen Sie doch immer wieder und wieder bei Cage nach, John meine ich nicht Nicholas. John Cage, der große Musikerfinder des vergangenen Jahrhunderts, der weit über Klanggrenzen hinaus dachte. Jener amerikanische Pilzesammler, Kalligraph und Künstlermensch, der 1952 das wohl radikalste Stück Musik des 20. Jahrhunderts geschaffen hat und uns 4’33’’ zur Verfügung gestellt hat. Eigentlich ist es eine Chance, eine Türöffnung, wo wir vielleicht gar keine Tür vermuten. Cage lässt eine Musikerin, einen Musiker, wenn sie oder er dies überhaupt sein müssen, ihr oder sein Instrument ergreifen für vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden in drei Sätzen. Die Spielpose beschert aber kein hörbares Spiel, sondern Aufmerksamkeit zu hören, was uns umgibt, was wir lautstark oder leise von uns geben. John Cage schreibt andernorts: Verzeihen sie meinen oberösterreichen Akzent. I am very sorry for my upper austrian Accent. It would be good if we could make our changes nonviolently. Es wäre gut, wenn wir unsere Veränderungen gewaltfrei vollziehen können. Und weiter: Das ist die Art, die gewaltfreie meint er, wie Veränderungen in der Kunst stattfinden. Der Grund warum wir wissen, dass soziale, gesellschaftliche Veränderungen gewaltfrei vollzogen können ist, weil wir wissen, dass Wandel in der Kunst gewaltfrei geht. We mustn’t believe that you can only change by killing because you can also change by creating. Wir brauchen nicht zu glauben, dass Veränderung nur durch Töten passiert, wir können auch durch das Schöpferische verändern, so John Cage. Töten steht für mich hier stellvertretend für jede Form der Gewalt. Gewalt ist nicht nur handgreiflich, sondern oft viel wirksamer Worte und auch Schweigen. Die Gewalt der Worte kommt heutzutage wieder ungebremst zum Einsatz. Die einfachen lautstakren Antworten folgen keinen wirklichen Fragestellungen und geben daher auch keine Antwortmöglichkeiten. Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Warum Kunst, könnte einmal mehr fragen: Challenge, die Herausforderung ist der Status quo. In der Kunst ist das ein ewiger Dauerzustand. Hier am Attersee hat man diese Perspektive schon lang erkannt. Kunst muss nichts, darf mehr oder weniger alles, öffnet Türen, wo keine zu vermuten sind, belebt die Sinne, erinnert, unterhält, irritiert, denkt das Undenkbare macht es denkbar, machbar, lebbar.

Unser Vertrauen in die Realität darf erschüttert, darf ruhig angefochten werden.Beginnen wir gleich, tauchen wir ein, liefern wir uns Christoph Herndlers „Seepasse“ - einem Auftragswerk der Perspektiven Attersee, aus.

Die Partitur, die Form des Dreiecks zur seiner Spitze hin verlaufend als Bild des Vergehens zur seiner Breitseite hin verlaufend als Bild des Entstehens oder Wachsens die verschränkte Form beider oder der gleichzeitige Blick in beide Richtungen führt zu einer stehenden Bewegung, so der Komponist. Der Stand der Dinge in Bewegung. Musik PASSIERT im VORBEI SEIN. Trauen wir unseren Atemzügen, Ohren, Sinnen, unseren Herzen. Die Kunst traut uns, ermutigt uns, bewegt im Stehen. Ich glaube fest daran, Kunst kann uns verändern, Kunst muss uns weiter verändern können. Oder ist einfach eine fundamentale Erinnerung daran, dass wir Menschen sind, ausgestattet mit der Kraft der Fantasie, des Schöpferischen, des Mitfühlens, des aneinander Berührtseins! Wir haben die Wahl und hoffentlich noch lange. Wir sind mit dem Möglichkeitssinn ausgestattet, halten und bringen wir diesen in Gang, ob im Stehen oder Gehen. Die Kunst lebt es uns vor, auch vorort.

Fotos: Lukas Maul
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