Über die Wolllust oder die Kunst, den Faden nicht zu verlieren.

Rede zur Ausstellung von

Claudia Neugebauer:
yarnbombing & fiber arts -
Graffiti aus Wolle & Gehäkeltes aus Draht

Wimmer Medienhaus Wels
19. September 2013

Den Faden nicht zu verlieren ist mitunter eine Kunst. Noch kunstfertiger scheint es mir aber, den Faden, dessen man verlustig geworden ist, den man verloren glaubt, immer wieder von Neuem aufzunehmen. Allein in dieser Hinsicht muss uns Claudia Neugebauer ein Vorbild sein, auch wenn sie unablässig der Wolllust frönt. Nicht zu verwechseln mit einer der sieben Todsünden, auch wenn der Unterschied kaum hörbar ist - aber seh- und sichtbar ist er. Aber eine Triebtäterin ist Claudia Neugebauer allemal, ein subversives Element, eine Bombenlegerin, eine Wollterroristin, wenn auch ganz ohne Angst zu verbreiten, oder wie sie sich selbst bezeichnet: eine Extremhäklerin.

Ihre Bomben, ihre wolllüsternen Austriebe sind effizient, hocheffizient, aber sie schüchtern nicht ein, wie sich auch die Künstlerin nicht so leicht einschüchtern lässt von wildgewordenen Hausmeistern Linzer Kunstmuseen, die ihre Fahnenstange unbehandelt wissen wollten. Oder Kranwägen, die hinterrücks im Rückwärtsgang - um nicht zu sagen arschlings, wie es mein Großvater getan hätte - eben arschlings gleich den ganzen Laternenmast umlegen, um die einzige grünfarbene Wollbombe in der nicht mehr ganz so roten Stadt, in der wir uns gerade befinden, auf Nimmerwiedersehen und den städtischen Bauhof zu beseitigen. Aber dies sind Einzelfälle von lustlosen Bürokraten, die der Subversion der Wolllust mit vielleicht festgeschriebenen Regeln entgegnen können, sie erblicken dabei mehr das eigene Spiegelbild als sonst irgendetwas.

Die übliche Mindestreaktion ist ein Lächeln. Und damit manifestiert sich die unglaubliche Trefferquote von Claudia Neugebauers unablässiger Wollbomberei. Kaum einer kann sich diesem Sprengstoff entziehen und dabei bringt er nicht nur Buntheit in manches Grau, sondern das Meer nach überall hin. Ja, Wels liegt dank Claudia Neugebauers Wolllust am Meer. Die korallenartige Auswüchse sorgen dafür - und nicht nur hier. Sondern auch am Meer selbst, mehr Meer hat noch niemanden geschadet.

Kunst hat, ob sie es will oder nicht, immer eine politische, eine gesellschaftliche Dimension, ob wir es wollen oder nicht. Claudia Neugebauer überschreitet Grenzen, sie ist eine Anarchistin der liebenswertesten und sanftesten Art, die um ihre Akzeptanz erst gar nicht bangen muss. Und mit ihren gezielten umhäkelten Überschreitungen schenkt sie uns nicht nur ein Lächeln, sondern auch die Wahrnehmung des Lebensraumes wieder, in dem wir uns mitunter so selbstverständlich und immer blinder bewegen. Mit der Heiterkeit lernen wir auch wieder Sehen. Wahr-nehmen. Es sind also nicht alle Auswüchse in dieser oder in einer anderen Stadt oder auch am Land mit Vollüberwachung und Wachenüberwachung zu überwachen. Dieses charmante Wachrütteln nennt sich zwar "bombing", aber ist noch ungefährlicher als Schwedenbomben, deren erhöhter Konsum auch seine Gefahren in sich birgt. Ja, es ist auch eine Möglichkeit der Kunst, derer es eben unbeschreiblich viele gibt, die - die uns Wachwerden lässt. Und dies lustvoll obendrauf. Ich habe es oft und immer wieder an mir selbst erlebt, aber wenn man gelegentlicher Stammgast (als ob es so etwas gäbe) im Café Strassmair ist, kann man dies sommers im Gastgarten beobachten. Dutzende Menschen, die auf Claudia Neugebauers yarnbombing reagieren: Mit Staunen, nicht wahrhaben können und vielem anderen. Was für eine große Sache in unseren reaktionslosen - um nicht zu sagen regungslosen - Zeiten. Claudia Neugebauer bringt eine Vision ins Spiel - spielerisch und nicht zu unterschätzen und lehrt uns frühlingshafte Subversion wieder zu schätzen. Es ist ein Aufbruch, ein Aufbrechen des Gewohnten, des scheinbar Trostlosen, aber nicht nur.

Es gibt aber mindestens eine weitere politische Dimension: da erscheint die uralte römische Venus von Wels im Look einer Autonomen, in der Linken einen Bagger und wirft vielleicht die Frage auf, wie in dieser Stadt mit der Vergangenheit umgegangen wird, nicht mit der näheren tausendjährigen, sondern mit der römischen. Lassen wir uns die Frage, die Fragen gefallen, ob sie uns gefallen oder nicht. Auch die umhäkelten alten römischen Pflastersteine zeigen sich fragend und mehr! Stellen wir uns überhaupt noch die Frage, von wo wir kommen, oder nur mehr wohin wir so schnell wie möglich gehen? Claudia Neugebauer stellt sie in einer Art des Extremismus, der nur zu begrüßen ist. Denn "der Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte" (Mörike), auch jetzt im nahenden Herbst.

Die Kunst macht es uns Menschen möglich. Die Kunst uns Menschen möglich, Mensch zu sein, zu bleiben und es nicht zu vergessen.

Dafür haben wir heute auch und vor allem Claudia Neugebauer zu danken!

eNTe : heimat