Zeit.Schrift

Norbert Trawöger und Wolfgang Maria Reiter

Norbert Trawöger und Wolfgang Maria Reiter

Rede zur Ausstellung von

Wolfgang Maria Reiter:
Zeit.Schrift

Galerie Forum Wels
5. Februar 2014

Norbert Trawöger und Wolfgang Maria Reiter

Norbert Trawöger und Wolfgang Maria Reiter

-> Fotos Ausstellungseröffnung

Fotos: Andrea Bauer

Im Fernsehen 

WT1-Bericht

WT1-Bericht der
Ausstellungseröffnung

Galerie Forum

Hörensagen
Klangmenschen im Dialog

Hörensagen

Im Dialog über "nichts" - Wolfgang Maria Reiter und Norbert Trawöger.

Präludium 1.

Als Obmann-Stellvertreter der Galerie Forum vertrete ich dich
heute und vertrete mir an dieser deiner Stelle meine Wortbeine
hier an dieser, deiner Stelle. Mich an dieser deiner Stell’
vertretend – ich vertrete mich damit also selber - darf ich
heute amtsführend, wenn auch nicht die Geschäfte, doch das
Eröffnungsritual anführen, um nicht zu sagen zelebrieren. Und
die rhetorische Frage an den Anfang stellen:
Was wäre die Galerie Forum ohne dein an dieser deiner Stelle
sein? Ohne dein dich Beeindruckenlassen und dein dich eben
nicht Beeindruckenlassen. So sind wir was wir sind, auch durch
dich, durch dein Vorangehen an und in diesem Epizentrum der
Kunst, des Menschseins.

Um in der Hierarchie präzise, wenn auch nicht korrekt, an
dieser deiner Stelle vorzugehen, begrüße ich dich, lieber
Wolfgang, in der Galerie Forum hier von und an dieser deiner
Stelle ganz herzlich und zuallererst. Willkommen hier an
dieser, deiner Stelle in deiner Galerie!

Und natürlich begrüße ich auch Sie, euch voll Freude an diesem
denkwürdigen Tag der Galeriegeschichte zur Eröffnung von
Wolfgang Maria Reiters Ausstellung ZeitPunktSchrift.
Schön, dass sie da sind. Schön, dass ihr da seid.

Mit der Bitte um Verzeihung um die reversiven Vorgänge im
Begrüßungsprotokoll, sie gehen ganz alleine auf meine Kappe,
die ich niemals tragen werde, begrüße ich herzlich die
Ehrengäste.

Präludium 2.

Denk-würdig ist dieser Tag. Zu Wolfgang Maria Reiters
Selbstverständnis gehört auch die Zurückhaltung, eben an
dieser seiner Stelle nicht unbedingt auszustellen. Im zweiten
Jahrzehnt seiner Obmannschaft war dieser Zustand nicht mehr
tragbar und mit einem, vielleicht auch meinem langen
pädagogischen Atem ist es gelungen, diesen Missstand an dieser
seiner Stelle in einen Zustand zu verwandeln: Er tat dies
letztlich und ganz freiwillig selbst in den letzten Wochen für
hier und heute und die nächsten Wochen bis zum 1. März.

Präludium 3.

Eines will und darf ich hier auch nicht unberührt und
unbemerkt lassen, dass ist der Umstand ganz ohne umständlich
zu sein, mit Dir befreundet sein zu dürfen. Ich stehe hier an
dieser deiner Stelle nicht von amtswegen sondern vom immer
wieder Bewegtsein eines Austausches, eines Aneinanderseins,
eines gegenseitigen Erkennens, Auskennens und Fragens, ohne
dass ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen möchte. Dies
wollte auch dankbar gesagt sein, gerade hier an dieser deiner
Stelle, die eben auch dadurch ein wenig meine ist.

Nach diesen kurzen Vorspielen, sie haben ja Zeit, oder? Zeit
hat hat man nicht sondern nimmt sie sich. Und nachdem sie sich
ganz offensichtlich Zeit genommen haben, nehme ich Sie in
Anspruch, ihre Zeit und vielleicht auch sie. Ja die Zeit ist
ein sonderbar Ding, heißt es im Rosenkavalier.

Erlauben Sie mir hier an dieser seiner Stelle noch cirka 57
Paralipomena, Impromptus, Bagatellen, Zwischenbemerkungen,
Fragen, Gedanken, Randbemerkungen zu Wolfgang Reiters
Schaffen. Bemerkungen vom Rand her, wo dieser auch immer ist.
Sind es doch 57 plus zwei Werke, die uns hier gezeigt werden.
Just in dem Jahr in dem Wolfgang Maria Reiter 57 Jahre wird.
Zufall?

Versuchen Sie nichts von dem zu fassen, ich kann und will es
auch nicht. Was sich an Ihnen festhält behalten Sie und
schauen, lauschen, fühlen oder denken beruhigt damit, wenn Sie
wollen.

1.
Ostinates Schreibthema seit 1998
V. Brüder, seid nüchtern und wachsam; denn euer Widersacher,
der böse Feind, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht,
wen er verschlinge. Widersteht ihm tapfer im Glauben! (1.
Petr. 5, 8. 9.) Unsre Hilfe + kommt von dem Herrn.
A. Der Himmel und Erde erschaffen hat.

2.
Noch am ehesten auszuhalten / war es unter dem Birnbaum / zu
Hause - liest man bei Enzensberger

3.
Auch der Widersacher ist mit einer Sache beschäftigt.
Hoffentlich ist es seine und nicht meine, deine.

4.
Brüllende Löwen beißen nicht, sage ich einmal so und wiege
mich hier an dieser deiner Stelle und mit dir an meiner Seite
kühn und ruhig in Sicherheit.

5.
Corragio, heißt es südlich

6.
Zeit Punkt Schrift.

7.
Ist der Punkt ein Punkt,

8.
oder eine Leerstelle für einen Umschlagplatz von Zeit und
Schrift?

9.
Verwechseln Sie mir Überschreibung nicht mit Überschrift.

10.
Wir können uns nichts abgewöhnen, sagt die Hirnforschung.
Wir vermögen alte Gewohnheiten mit neuen in unserem Speicher
zu überschreiben.

11.
Verwechseln Sie mir den Schöpfer nicht mit seinem Werk, auch
wenn sie mitunter zum Verwechseln ähnlich sind.

12.
Wir sind immer oben
und wenn wir einmal unten sind,
ist unten
oben.
Otto M. Zykan

13.
Er werde dorthin reisen.

14.
Wohin?

15.
Ins Zentrum oder an den Rand?

16.
Wo ist das Zentrum?

17.
Am Rand?

18.
Links?

19.
In der Mitte?

20.
Am Kopf?

21.
Im Kopf?

22.
In Schrift. Inschrift.

23.
Beachten Sie die Ränder?

24.
wie von einem nassen Finger, der langsam,
langsam über den Rand eines dünnen Glases
streicht. Ein immer ferneres Klingeln,
das klingelt und mich nicht schlafen läßt.
Hans Magnus Enzensberger

25.
Anschaubare Musik, nicht aufgeschrieben. Nicht abgeschrieben.

26.
Lauschen Sie!

27.
Nicht auf dem Podest! (Zitat WMR letzten Sonntag)

28.
Ansammlung keine Versammlung, auch wenn es heute danach
aussieht.

29.
Anhäufung

30.
VerDichtung

31.
Ansammlung

32.
Anhäufungverdichtungansammlungverdichtungansammlunganhäufung

33.
Leichtigkeit, trotzdem und deswegen.

34.
Aus der Form geraten, heißt ganz streng in der Form zu sein,
zumindest davor.

35.
Echte Leichtigkeit liebt Akribie.

36.
Nur / das Unauffällige bleibt, / seelenruhig (Enzensberger)

37.
Nur wer vieles übersieht,
kann manches sehen. (Enzensberger)

38.
Seid nüchtern und wachsam!

39.
Zumindest wachsam!

40.
Widersteht, ohne stehen zu bleiben.

41.
Unablässig schreibst du diesen Vers aus dem ersten Petrusbrief

42.
treibst ihn über die Grenze der Kenntlichkeit, enthebt ihn
seiner wörtlichen und damit persönlichen Fassbarkeit und
transformierst ihn auf und in Schwingungsebenen, die in
unterschiedlichen Aggregatzuständen und Formaten ihre
Sichtbarkeit finden –

43.
oder sollte man doch besser von Hörbarkeit sprechen?

44.
Bist du seismografischer Kalligraf deines Motivs, ohne es
schönschreiben zu wollen?

45.
Die oft stundenlange Repetition des Ewiggleichen lässt
Partituren entstehen,

46.
die am Papier erklingen,

47.
ohne gespielt werden zu müssen.

48.
wie von einem nassen Finger, der langsam,
langsam über den Rand eines dünnen Glases
streicht. Ein immer ferneres Klingeln,
das klingelt und mich nicht schlafen läßt.
Hans Magnus Enzensberger

49.
Das Konkrete tanzt sich im metrischen Duktus ins nicht
greifbare Wesentliche hinein.

50.
Selbstklinger.

51.
Insichselbstklingen

52.
Insichselbstinsklingenkommen

53.
Das Wort gewinnt an Bedeutung.

54.
Ist Klang geworden.

55.
Viel mehr Klänge.

56.
Was man festhalten kann,
was einen festhält, das ist das Wenigste.(Enzensberger)

57.
wie von einem nassen Finger, der langsam,
langsam über den Rand eines dünnen Glases
streicht. Ein immer ferneres Klingeln,
das klingelt und mich nicht schlafen läßt.
Hans Magnus Enzensberger

Norbert Trawöger im Februar 2014.

eNTe : heimat